Lehrveranstaltungen Filmwissenschaft / Mediendramaturgie

MA S. Formen der Repräsentation: Jim Jarmusch

Dr. Roman Mauer

Kurzname: S:Form.Repräsentat
Kursnummer: 05.054.600

Inhalt

Die Augen in einer anderen Welt öffnen. Das widerfährt Bill Blake (Johnny Depp) in DEAD MAN (1996) – einer filmischen Reise zwischen Licht und Schatten, Leben und Tod – und dem Zuschauer in Jarmuschs Kino. Die existentialistische Perspektive, die musikalischen Rhythmen, die spannungsvolle Langsamkeit, die somnambule Atmosphäre des New Yorker Regisseurs zeichnen die Welt als Durchgangsstation. Zufällig treffen seine Figuren aufeinander, missverstehen sich in ihren Sprachen und Kulturen, begleiten einander trotzdem und verlieren sich wieder. Erst beim Abschied wird bewusst, dass mit dem Aufglühen scheuer Zuneigung ein Gefühl von Heimat entstanden war. Mehr noch: Ihre interkulturellen Missverständnisse haben an starren Denkweisen gerüttelt und eine absurde Komik entfacht.

Es sind oftmals poetische Streifzüge, Reisen der Figuren durch Städte oder Reisen des Zuschauers durch Hotelzimmer, Taxis oder Cafés. Der iranische Regisseur Abbas Kiarostami, auch ein Meister des Roadmovies, erklärte in einem Interview: Die Romane in seinem Regal sähen alle neu aus, doch die Gedichtbände fielen auseinander, weil er die Romane nur einmal, die Gedichtbände aber immer wieder lesen würde. Gleiches gilt, wenn man konventionelle Filme und Jarmuschs Autorenfilme gegenüberstellt. So minimalistisch seine Filmpoeme wirken und verspielt in der musikalischen Variation von Wiederholungen, so reichhaltig ist der interpretatorische Ertrag, weil die Filme über subtile Details zur Vernetzung anregen und Freiräume lassen, in die der Zuschauer seine Vorstellungen einblenden kann – ähnlich den wenigen, aber konzentrierten Worten eines Haikus, die durch das umliegende Weiß des Papiers zur Geltung kommen.

Nicht zuletzt lebt Jarmuschs Kino von einem "warmherzigen, amüsierten Interesse an Menschen" (G. Andrew), skurrilen Charakteren (etwas Roberto Benignis "Bob" in DOWN BY LAW, 1986) und schöpft aus Beobachtungen des Alltäglichen sein komödiantisches Potential (wie auch in seinem jüngsten Film PATERSON, 2016). Jarmusch gilt als Ikone der Independent-Bewegung und ist bis heute einer der wenigen, die unabhängig von Hollywood arbeiten. Er entwickelt in seinen Filmen eine kritische Sicht auf die US-amerikanische Gesellschaft und prangert rassistische, kapitalistische oder fundamentalistische Ideologien an, um im Gleichzug den Reichtum (pop)kultureller Synergien hervorzuheben. Denn: "Es ist nicht wichtig, woher Du es nimmst. Wichtig ist, wohin Du es trägst." (Jean-Luc Godard) Jarmusch sammelt, was ihn inspiriert, und filtert daraus seine persönliche Vision. Nicht beliebig, sondern erkenntnisreich und innovativ verwebt und reflektiert er literarische Inhalte (Frost, Whitman, Chaucer, Blake, Kafka, Akutagawa, Shelley, Shakespeare, Marlow, Williams), musikalische Stile (Jazz, Soul, Rock, HipHop), Genre-Muster (Roadmovie, Film Noir, Western, Samurai-, Mafia-, Vampirfilm) und Filme seiner Vorbilder und Freunde (Ray, Ozu, Cassavetes, Wenders, Kaurismäki, Lee, Suzuki, Boorman, Rivette). In diesem Seminar soll die vielfältige Essenz seiner Arbeiten behutsam gehoben werden.   

Empfohlene Literatur

Monographien über Jim Jarmusch (chronologisch geordnet):

  1. Rolf Aurich / Stefan Reinecke (Hrsg.): Jim Jarmusch. Berlin: Bertz 2001.
  2. Ludvig Hertzberg (Hrsg.): Jim Jarmusch. Interviews. Jackson: University of Mississippi Press 2001. (Conversations with Filmmakers)
  3. Roman Mauer: Jim Jarmusch. Filme zum anderen Amerika. Mainz: Bender 2006.
  4. Birgit Leitner: Wiederholungsstrukturen in den Filmen von Jim Jarmusch. Dissertation an der Bauhaus-Universität Weimar 2007 (online verfügbar).
  5. Juan Antonio Suárez: Jim Jarmusch. Urbana: University of Illinois Press 2007.
  6. Simone Brandt: Verisimilitude: Realismus in den Spielfilmen Jim Jarmuschs. Diplomica-Verlag, Hamburg 2010.
  7. Sophia Glasl: Mind the Map. Jim Jarmusch als Kartograph von popkulturellem Gedächtnis. Marburg: Schüren 2014.

Eine ausführliche, thematisch geordnete Literaturliste wird in der ersten Sitzung ausgeteilt.

Termine:

WochentagDatumUhrzeitOrt
Dienstag17.10.201712.15 - 13.45 Uhr 00 113 Seminarraum, 181 - Medienhaus
Dienstag24.10.201712.15 - 13.45 Uhr 00 113 Seminarraum, 181 - Medienhaus
Dienstag07.11.201712.15 - 13.45 Uhr 00 113 Seminarraum, 181 - Medienhaus
Dienstag14.11.201712.15 - 13.45 Uhr 00 113 Seminarraum, 181 - Medienhaus
Dienstag21.11.201712.15 - 13.45 Uhr 00 113 Seminarraum, 181 - Medienhaus
Dienstag28.11.201712.15 - 13.45 Uhr 00 113 Seminarraum, 181 - Medienhaus
Dienstag05.12.201712.15 - 13.45 Uhr 00 113 Seminarraum, 181 - Medienhaus
Dienstag12.12.201712.15 - 13.45 Uhr 00 113 Seminarraum, 181 - Medienhaus
Dienstag19.12.201712.15 - 13.45 Uhr 00 113 Seminarraum, 181 - Medienhaus
Dienstag09.01.201812.15 - 13.45 Uhr 00 113 Seminarraum, 181 - Medienhaus
Dienstag16.01.201812.15 - 13.45 Uhr 00 113 Seminarraum, 181 - Medienhaus
Dienstag23.01.201812.15 - 13.45 Uhr 00 113 Seminarraum, 181 - Medienhaus
Dienstag30.01.201812.15 - 13.45 Uhr 00 113 Seminarraum, 181 - Medienhaus
Dienstag06.02.201812.15 - 13.45 Uhr 00 113 Seminarraum, 181 - Medienhaus