Lehrveranstaltungen Filmwissenschaft / Mediendramaturgie

Ü. Filmgeschichtliches Arbeiten: Frühes Kino

N.N.

Kurzname: Ü Filmgesch Arbeit
Kursnummer: 05.054.16_620

Empfohlene Literatur

Tom Gunning: Das Kino der Attraktionen: Das frühe Kino, seine Zuschauer und die Avantgarde [1986], in: Meteor 4/1996, S. 24–34.

Voraussetzungen / Organisatorisches

Aus organisatorischen Gründen werden die Zeiten und Räume erst zur zweiten Lehrveranstaltungsanmeldephase veröffentlicht.

Inhalt

Mit «frühem Kino» (engl.: early cinema; frz.: cinéma du premier temps) wird gemeinhin die Zeit von den 1890er Jahren bis etwa 1907 oder je nach Kulturkreis auch etwas später beschrieben, also jene Phase, in der sich das neue Massenmedium aus unterschiedlichen kulturellen Praktiken (Wissenschaft, Theater, Photographie, Laterna Magica usw.) herausbildet. Der kanadische Film- und Medienwissenschaftler André Gaudreault hat das frühe Kino als «alien» beschrieben, als ein grundlegend anderes Kino, das sich deutlich von dem unterscheidet, was wir heute unter Kino verstehen. Die Filme wurden um 1900 nicht in Lichtspieltheatern, sondern in Vereinshäusern, Stadthallen oder Jahrmarktzelten vorgeführt, häufig begleitet von Live-Musikern, Schauspielern oder Filmerzählern. In die Filmvorführung ging man weniger, um sich einen bestimmten Film (eines renommierten Regisseurs, eines bevorzugten Genres) anzusehen, sondern weil man dort ähnlich wie im Varieté ein buntes Programm geboten bekam, bei dem kurze Filme als Nummern fungierten.
Gerade dieses «andere» Kino, so haben Filmhistoriker wie Tom Gunning und Thomas Elsaesser betont, fordert uns heraus, tradierte Modelle, Konzepte und Methoden der Filmgeschichtsschreibung zu reflektieren. Wie – anhand welcher Quellen und Konzepte – lässt sich dieses «andere» Kino beschreiben? In welchen Apparaten und Aufführungssettings wurden Filme um 1900 gezeigt? Wie können wir heute anhand von Programmzetteln, Polizeiberichten oder Tagebucheinträgen nachvollziehen, was Zuschauer und Zuschauerinnen damals sinnlich geboten bekamen?

Am Beispiel des frühen Kinos werden wir in der Übung einige grundlegende Fragen der filmhistorischen Arbeit (Quellen, Recherchen, Archiv) erproben und diskutieren. Dies umfasst nicht nur die Arbeit mit den Filmen der Zeit (als Filmkopien, VHS, DVDs und Blu-rays), sondern auch mit einem breiten Spektrum an Schrift- und Bildmaterialien (Filmzeitschriften, Postkarten, Polizeiberichte, Baupläne usw.) sowie digitalen Datenbanken (wie http://mediahistoryproject.org oder http://earlycinema.uni-koeln.de). Geplant ist zudem eine halbtägige Exkursion in die prä- und frühkinematographische Sammlung des Deutschen Filminstituts in Frankfurt am Main. Das wird uns Gelegenheit geben darüber nachzudenken, wie das frühe Kino einem heutigen Publikum nahegebracht werden kann (Filmvermittlung).