Lehrveranstaltungen

MA S. Ästhetik des Gegenwartstheaters - Theater und Tribunal

Jun.-Prof. Dr. Benjamin Wihstutz

Kurzname: Ästh.Gegenwartstheat
Kursnummer: 05.155.620

Inhalt

Im politischen Gegenwartstheater wird sich auffallend häufig mit Gerichtsprozessen auseinandergesetzt. Verhandlungen und Tribunale werden fingiert, re-enacted, dokumentarisch aufgearbeitet oder als Ausgangspunkt dramatischer Stoffe verwendet. So waren bei den Autorentheatertagen 2015 am Deutschen Theater in Berlin gleich fünf Stücke eingeladen, die sich auf unterschiedliche Weise dem Münchener NSU-Prozess widmeten. Der Theatermacher Milo Rau hat in den vergangenen Jahren gleich mehrfach Re-Inszenierungen berühmter Prozesse durchgeführt oder potenziell zukünftige Tribunale aufgeführt. Und der Theatermacher Yan Duyvendak setzte 2011 unter Mitwirkung eines professionellen Richters und von zufällig aus dem Publikum ausgewählten Geschworenen sogar Hamlet auf die Anklagebank.

Indes ist die Verbindung von Theater und Tribunal nicht neu, sondern genauso alt wie das abendländische Theater selbst. In den antiken Dramen von Sophokles und Aischylos finden sich Gerichtsprozesse ebenso wie bei William Shakespeare oder Friedrich Schiller. Auch die Auseinandersetzung mit realen Gerichtsprozessen auf der Bühne hat mit Stücken des dokumentarischen Theaters der 1960er Jahre prominente Vorgänger.

Ziel des Seminars ist es, anhand der Lektüre dramatischer, theoretischer und historiographischer Texte Grundzüge einer Genealogie des Theatertribunals nachzuzeichnen. Wie kommt es zu jener Faszination, die Gerichtsprozesse auf Dramatiker_innen und Theaterschaffende seit Jahrhunderten ausüben? Welche politischen Ansprüche werden jeweils mit der Verbindung von Theater und Tribunal verknüpft? Inwiefern wird dem gespielten Gericht im Theater eine politische, juridische oder ästhetische Wirksamkeit zugesprochen? Und welche Bedeutung kommt dabei der Urteilspraxis des Zuschauers zu?